harvest

01.08.2026 – 29.08.2026, Soloshow galerie intershop, Spinnereistr.7, Halle 10 G, Baumwollspinnerei Leipzig, 04179 Leipzig

Es ist die Zeit der Ernte. Früchte, Heu und Kräuter sind in der Ausstellung zu finden. Doch auch Gerippe und Bretter, die in vager Form Menschen darstellen und assoziativ an sog. Totenbretter erinnern. Was wird hier geerntet?

Wieder einmal geht es um das Verhältnis Mensch und Natur. Es geht um den Genuss und die Freude sich mit Hilfe der von der Natur bereitgestellten Mittel über die Vergänglichkeit hinweg zu setzten. Und ergeht um unser Unvermögen, die Vergänglichkeit tatsächlich zu überwinden. Denn Werkzeuge und Methoden, die wir uns geschaffen haben um die Natur zu unterwerfen, gefährden schlussendlich uns selbst.

Was diese Ausstellung aber ebenso zeigt: Schönheit und Ästhetik sind Kategorien, die uns mit der Natur verbinden. Schönheit zu erkenne scheint zweckfrei und die Wahrnehmung der Ästhetik ebenso. Beides ist aber in Kunst und Natur angelegt. Und vielleicht ist es gerade diese Nutzlosigkeit, die den Tod überwinden.

Pfirsichtod, Kirschentod, Erdbeertod Foto: Stefan Fischer
Pfirsichtod, Kirschentod, Erdbeertod Foto: Stefan Fischer
Totenbrett_Vernuskamm
Totenbrett_Vernuskamm, 2026
Heu_Schwärmer, 2026, Heudruck und Malerei mit Erdpigmenten
Pfirsich_Kaffee 5, 2026, aus der gleichnamigen Serie, Pflanzenselbstdruck mit Pfirsichblättern, Malerei mit Kaffee und Pigmenten
Foto: Stefan Fischer
Ausstellungsansicht, Foto: Stefan Fischer
Totenbretter mit aufgemalten Ackerwildkräutern
Foto: Stefan Fischer
Ausstellungsansicht: Totenbretter mit aufgemalten Ackerwildkräutern, Foto: Stefan Fischer
Foto: Stefan Fischer
Ausstellungsansicht, Foto: Stefan Fischer
Foto: Stefan Fischer
Ausstellungsansicht, Foto: Stefan Fischer

Rede von Elmar Schenkel zur Eröffnung der Ausstellung „harvest“

Eröffnungsrede zur Ausstellung von Reinhard Krehl: Harvest, 1. August 2026

Von Elmar Schenkel

Gleich vorweg: wir – Reinhard und ich – kennen uns erst seit einer Woche. Vor zehn Tagen wandte er sich an mich, ob ich seine Ausstellung eröffnen könnte. Wir trafen uns, es war ein gutes Gespräch, er brachte anregende, belebende Bilder mit vom Tod und vom Leben, von Pflanzen, Früchten, Farben. Es gefiel mir auch, dass er aus Münsingen stammt, von der Schwäbischen Alb, in deren Nähe ich ein paar Jahre gelebt habe. Der Ort auch, wo der alte Löwenmensch geborgen wurde, aus Höhlen und Kammern der Vorzeit – eine Mischung aus Mensch und Natur. Schon sieht man, wie dumm diese Unterscheidung eigentlich ist. „Umwelt“? Der Mensch, so schrieb einmal Hugo Kükelhaus, ist selbst seine Umwelt. Es gibt kein Drinnen und Draußen. Sie sind unzertrennlich eins, nur anders akzentuiert. 

Warum hat sich Reinhard an mich gewendet, ich wagte es nicht zu fragen. In unserem Gespräch vor der Vernissage erfuhr ich, dass er vor einiger Zeit einen Essay von mir über Carl von Linné auf dem Klo gelesen hatte. Eine gute Basis, denn auf dem Örtchen liest man eher Entspannendes, das, was einem gefällt. Und in der Tat: Linné ist ein Schlüssel für uns beide, unser Interesse an den Verbindungen zwischen Pflanzenwelt und der Flora und Fauna des menschlichen Geistes. Das Spazierengehen, das nicht auf Nutzen aus ist, sondern auf das langsame Genießen und Verdauen von Wahrnehmungen, ist sicherlich das Gegenteil von Klassifizieren und Benennen. Hier steht Fragment, Splitter, Assoziation gegen System und Zwangseinteilung, Schubladisierung. Und doch profitieren beide voneinander. [1] Wir haben es also mit Grenzen zu tun, über die Reinhard Krehl immer wieder reflektiert. Die Grenze ist der Ort der Metamorphose, der Verwandlung. Im Staatengefüge: Plötzlich bist du Ausländer, wenn du sie überschreitest. In den Mythen, etwa bei Ovid, kann Grenzüberschreitung bedeuten, dass du allmählich zum Baum, zum Stern am Himmel wirst, und da kann es als Strafe, Belohnung oder Rettung bedeuten. Der Prophet Tiresias wird erst in eine Frau, nach sieben Jahren wieder in einen Mann verwandelt und weiß am Ende mehr, als die Götter erlauben. Vor allem aber steht die Frage der Grenze  bei den großen Verwandlungen oder Übergänge an: vom Nichts zum Ei und Sperma, zum Embryo, zum heraustretenden Menschentier. Und zurück, von Jugend zum Alter, zum Verschwinden im Jenseits. Wir kommen namenlos in die Welt und mit einem Namen verlassen wir sie. Das Leben ist eine Zwischenzeit.

Wir leben in diesen Übergängen und dabei helfen uns die Pflanzen, sie erinnern uns an den Lauf der Jahreszeiten, an den Samen und das Aufwachsen, Blühen, Welken, Verschwinden und sich im Dunkel, in dem, was für uns ein Nichts ist, wieder zu finden, zu regenerieren. Wie aus dem kleinen Samen eine riesige Eiche kommt – aus dem Kleinen das ganz Große, das bleibt mir für immer ein Rätsel. 

Und dann machen Menschen aus den Bäumen Totenbretter. 

Reinhard Krehl hat diese in Süddeutschland vorgefunden, geformte Bretter, auf denen man die Toten ins Grab trägt und die dann später wie Vogelscheuchen, Puppen, Gedenkbretter am Weg aufgestellt werden, bis sie vergehen und alle letzten Erinnerungen mit sich in das Dunkel der Erde tragen. Sie muten von der Silhouette her an wie Betende, wie schlanke Bodhisattvas. Vermutlich gibt es Ähnliches in anderen Kulturen. Die Ahnen aus Holz, die zu Göttern werden, das wäre ein Szenario, das wir uns bei den Kelten, Slawen oder Germanen vorstellen können: Pfahlgötter und Holzidole. Die Asmat in Papua-Neuguinea stellen geschnitzte Figuren als Ahnenbäume oder Ahnenmale auf. Reinhard nimmt die Totenbretter als etwas, auf dem eine Schrift stehen kann, in seinem Fall die Schrift der Pflanzen.[2]

Die eingeritzten Pflanzenabdrücke auf den Totenbrettern sind unsichtbare Brücken, lesbar wohl erst mit den Augen des Jenseits. Im Ahnenkult bleibt das Vergangene präsent. Chesterton hat einmal geschrieben, „Tradition ist die Demokratie der Toten.“ Die Schrift, die den Toten eine Identität gibt, weist aber in eine Zukunft von Lesenden. Die Bretter binden Seelen, sie verbinden die Welten, und so ist der Ahnenkult auch pflanzlicher Natur. 

Holz trägt Erinnerung. Die mineralische Welt hält sie länger, auf Grabsteinen etwa oder in Megalithen.  Aber es gibt auch das Unsichtbare, das lange Erinnerungen wachhält. Als Literat denke ich an Marcel Proust, der durch den Geschmack und den Geruch von Lindenblütentee in das Universum seiner Kindheit zurückgeworfen wird, so dass sich ihm nach und nach, auf gut 4000 Seiten, sein gesamtes Leben entfaltet, auch das der Pariser Gesellschaft um 1900. Aus der Lindenblüte erwächst die Flora und Fauna des niedergehenden Adels. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist auch ein Schwimmen in den unterseeischen Algenwelten von Paris. Erinnern, Hinweisen, auch das tun Pflanzen, wenn sie auf verborgene Erdschätze zeigen, zum Beispiel Kupferlager. Sie waren schon immer ein Archiv, ein Lexikon für den Menschen in seiner Natur. Die Wünschelrute, meist aus Haselholz, ist der beste Bibliothekar in dieser großen Ordnung. 

Ich will nicht interpretieren, nur Assoziationsgefüge entwerfen, wie es uns die Pflanzen und Pilze mit ihren Düften, Blättern, Blüten, Myzelen und Wurzeln vormachen.  So wie es verschiedene Weisen gibt, in die Welt zu kommen als zweibeinige bewegliche Pflanzen (aber haben wir eigentlich Wurzeln, wenn wir doch Beine haben?), so auch, diese Welt zu verlassen. Reinhard Krehl hat sich Früchte vorgenommen, Kirschen, Erdbeeren, Pfirsiche. Die Tode haben einen verschiedenen Geschmack, man findet sie wieder auf alten Gemälden. Der Pfirsich etwa ist in der chinesischen Mythologie das Zeichen der Langlebigkeit.[3]

Menschen brauchen die Natur für ihre Zeichensprache. Wozu brauchen die Pflanzen den Menschen? Freuen sich unsere planetarischen Mitbewohner und Ernährer über des Menschen Fähigkeit, sie zu benennen? An solchen Namen wie Rühr-mich-nicht-an, erfreu ich mich jedenfalls, oder Jelängerjelieber, Circe und die Stinkende Schönheit. Die Pflanzen rufen förmlich nach Poesie!

In diesem Sinne können Spaziergänge zu poetischen Anrufen werden. Sie sind Spielformen zwischen Systemen und Unordnung. Zu welcher Seite neigen die einen oder anderen? Zum Spiel oder zur Anpassung an das, „was einer [bei den anderen] vorstellen soll“ (um Schopenhauers Bezeichnung zu nehmen)? Oft reproduzieren die letzteren dann die konventionelle Zurichtung der Welt. Schau mal, das Unkraut dort hinter dem Zaun, und dann dieser ungepflegte Rasen, der könnte mich rasend machen! 

Am Ende stehen wir aber im Dienst der Pflanzenverbreitung. So nehmen wir am großen Spiel der Natur teil, wenn wir als Radler Sporen transportieren und ausstreuen. Wir unterstützen nolens volens das Pilgern der Löwenzahnfallschirme, der Äpfel, der Urpflanze. Goethe zog es bis Palermo, um dort zu finden, was überall ist. Er war wissenschaftlich gelenkt, konnte aber auch innehalten. Der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson machte sich im 19. Jahrhundert Gedanken über die Vernutzung der Erde. Wenn ein Holzhändler durch den Wald geht, so Emerson, sieht er nur Bretter. Der Händler fragt sich wie er profitbringend das Holz verkauft. Erst der Poet (oder die Poetin) könne mit geweitetem, unentfremdetem Blick das Ganze des Waldes erkennen. Der Nutzen muss also von der Ebene der Nutzlosigkeit beurteilt werden. 

Das Spiel feiert eine Nutzlosigkeit, die ihren unbekannten, unbewussten und dunklen Nutzen hat. Die chinesischen Daoisten wie Laozi oder Zhuangzi wussten schon vor mehr als 2000 Jahren, auf welche geheime Weise das Unnütze (das Unkraut, die Faulheit, das Geistige und Unsichtbare) nützlich werden können, ohne nutzbar zu sein. 

In Zhuangzis großem Buch der Lebensweisheit und Parabeln aus dem 4./3. Jahrhundert v.Chr. finden wir in Kapitel 4.5 folgende Geschichte, die auch in diese Ausstellung hineinführt:

            Auf seinem Weg nach Qi erblickte Zimmermann Shi (Herr Stein) an einer Straße namens Qu Yuan (Krumme Deichsel) eine Eiche, die als Feldaltar diente. Sie war so groß, dass mehrere tausend Kühe unter ihr Schutz fanden, ihr Umfang maß hundert Längen, sie war so hoch, dass sie die umliegenden Berge überragte, und ihre Äste begannen erst in einer Höhe von zehn Stockwerken, mehr als zehn Boote hätte man aus ihnen fertigen können. Die Gaffer scharten sich um sie wie auf dem Marktplatz, der alte Zimmermann jedoch beachtete sie nicht, er lief geradenwegs weiter, ohne zu verweilen.

Sein Lehrling aber konnte sich gar nicht sattsehen an ihr, eilte zu Zimmermann Shi und sprach: „Seit ich diese Axt schleppe und dir folge, Meister, habe ich noch nie solch schönes Holz erblickt. Meister, warum willst du es dir nicht ansehen und verweilen?“

Der Zimmermann erwiderte „Genug, sprich nicht weiter davon! Ein morscher Baum ist das; baut man daraus eine Tür, bleibt sie undicht; errichtet man daraus eine Säule, wird sie von Würmern zerfressen. Dieser Baum liefert kein gutes Holz, er ist völlig nutzlos, daher ist er so alt geworden.“

Zimmermann Shi kehrte nach Hause zurück; im Traum erschien ihm die Eiche vom Feldaltar und sprach: „Womit vergleichst du mich? Vergleichst du mich mit Nutzholz? Etwa mit Apfel-, Birnen-, Orangen-, Zitronen- oder sonstigen Obstbäumen oder gar mit Melonen und Sträuchern? Sind die Früchte reif, reißt man sie ab, beim Abreißen verletzt man sie, große Äste werden abgebrochen, kleine Äste zerstreut. Gerade ihre Nützlichkeit verbittert ihnen das Leben, daher erreichen sie nicht ihr natürliches Alter, sondern gehen ein nach der halben Zeit; sie selbst ziehen die Misshandlung durch alle Welt auf sich. Von allen Lebewesen gibt es keines, dem es nicht so ergeht. Wie lange habe ich  mich bemüht, als nutzlos zu erscheinen; nun bin ich dem Tode nah und habe es geschafft – das ist sehr nützlich für mich. Wenn ich zu irgendetwas nütze gewesen wäre, hätte ich je diese Größe erreicht? Du und ich, wir sind beide Lebewesen – warum sollten wir einander als Ding benutzen? Was verstehst du, unnützer alter Mann, von einem unnützen Baum!“ 

Zimmermann Shi erwachte und dachte über die Bedeutung seines Traums nach. Der Lehrling fragte: „Oh, wenn er bevorzugt, nutzlos zu sein, warum dient er dann als Feldaltar?“

Der Zimmermann erwiderte: „Psst, das ist geheim. Sprich nicht davon! Ich habe es dir nur anvertraut, weil diejenigen, die es nicht wissen, den Baum schmähen und beschimpfen. Diente er nicht als Feldaltar, beinahe wäre er umgesägt worden! Dieser Baum ist auf besondere Weise geschützt (indem er vielen anderen Schutz bietet) – dies mit den üblichen Maßstäben zu bewerten, liegt das nicht fern?“

(aus Zhuangzi. Das Buch der daoistischen Weisheit. Gesamttext. Aus dem Chinesischen von dem Leipziger Sinologen und Verleger Viktor Kalinke. Ditzingen: Reclam 2019)

Lassen Sie uns die scheinbare Nutzlosigkeit dieser Ausstellung genießen und Sie werden Ihr blaues Wunder erleben, zum Beispiel heute nacht, wenn Sie träumen. 


[1] Was nicht alles am Benennen oder Umbenennen hängt. Schon Adam musste ein Problem mit der Benennung erkennen, als Gott ihm im Paradies befahl, Namen an Tiere und Pflanzen zu vergeben. Wie unglaublich kreativ muss er gewesen sein. Es gibt immer wieder Kämpfe um den „richtigen“ Namen, die bis heute anhalten und von der Flora und Fauna bis zu Straßennamen und Denkmälern reichen.  1942 etwa wollten deutsche Biologen die Fledermaus in Fleder umbenennen, woraufhin ihnen Hitler mit einer Versetzung an die Ostfront drohte. Wieso hätten sie so viel Zeit, sich während des Krieges mit solchen Bagatellen zu beschäftigen? Zudem sei das alte Wort seit 1000 Jahren bekannt und daher gehöre es zur Tradition.

[2] 1890 wurde im Ural im Schigir-Moor eine Holzfigur entdeckt, die man später als göttliches Idol bezeichnete – ein 5 Meter hoher geschnitzter Pfahl mit rundem Gesicht. Erst vor kurzem konnte es datiert werden: es ist mit fast 12000 Jahren die älteste Holzskulptur der Welt.

[3] Chinesen sind pragmatisch und nennen den langbärtigen Träger mit der hohen Stirn den „Opa der Langlebigkeit“. So findet man ihn oft verkleinert und in Zuckerguss auf Geburtstagstorten.